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Archive | July, 2011

Die erzählte Stadt

José Eduardo Agualusa
Barroco Tropical

Im Zentrum dieses in der angolanischen Hauptstadt Luanda spielenden Romans steht der Schriftsteller und Filmemacher Bartolomeu Falcato, dem mehr und mehr seltsame Abenteuer widerfahren. Als erstes fällt ihm, wie es ihm scheint, aus heiterem Himmel eine Frau vor die Füße, tot. Es ist das Model Núbia de Matos, die er wenige Tage zuvor kennengelernt hat, und die ihm intime Dinge über die Machthaber und ehemaligen Befreier des Landes mitteilen konnte. Dann gerät er selbst in einen Strudel von Verfolgungen. Luanda ist auch die Hauptstadt eines erdölfördernden und eigentlich reichen Landes, so überrascht es nicht, daß ein Hochhaus, es heißt Termiteira, eine Rolle spielt. Tatsächlich hat dieser dreihundertfünfzig Meter hohe Bau etwas von einem Termitenbau, denn von seinem Dach bis hinunter ins x-te Untergeschoß wimmelt eine vollständige Stadt im Mikrokosmos. Dieser zwischen nüchterner Beschreibung und fantastischer Überhöhung halluzinierende Roman spielt zwischen Müll und Glamour das vollständige Drama dieser afrikanischen Metropole durch. Barroco Tropical erschien im A1 Verlag (Originalausgabe: ‚Barroco Tropical’. Lissabon, Publiçaões Dom Quixote, 2009).

Der Autor José Eduardo Agualusa studierte Agrarwissenschaft und Forstwirtschaft, veröffentlicht Gedichte, Erzählungen und Romane. Der Übersetzer des Romans, Michael Kegler, wird moderieren. Aus der deutschen Übersetzung liest Elettra de Salvo.

Weitere Informationen zu José Eduardo Agualusa…

Frankfurt: Donnerstag, 01.09., 19.30 Uhr
Haus am Dom, Domplatz 3

Darmstadt: Freitag, 02.09., 18.00 Uhr
Kammerspiele/Staatstheater, Georg-Büchner-Platz 1

Eintritt 8 €, ermäßigt 4 €

Gesetz gegen Häusliche Gewalt verabschiedet

Die angolanische Regierung hat nach mehreren Jahren der Ausarbeitung diesen Monat ein Gesetz verabschiedet, das häusliche Gewalt unter Strafe stellt und den Opfern finanzielle und medizinische Unterstützung zusichert. Bis zum jetzigen Zeitpunkt war häusliche Gewalt in dem südwestafrikanischen Land nicht unter Strafe gestanden, weshalb es nur zu sehr wenigen Anzeigen kam, die vor Gericht als Vergewaltigung oder Körperverletzung verhandelt wurden.

Das verabschiedete Gesetz sichert Opfern von häuslicher Gewalt Unterstützung in Frauenhäusern, ärztliche Versorgung sowie finanzielle und rechtliche Hilfe zu. Darüber hinaus ermöglicht es das neue Gesetz, dass auch andere Personen als die eigentlichen Opfer – die häufig aus Angst und aufgrund finanzieller Abhängigkeit von ihren Peinigern nicht zur Polizei gehen – Akte häuslicher Gewalt zur Anzeige bringen.

Zahlreiche Organisationen, die sich für die Rechte der Frauen in Angola einsetzen begrüßten die Verabschiedung des Gesetzes, mahnten aber zugleich eine konsequente Implementierung und Umsetzung der neuen Regelungen an. Sizaltina Cutaia, Mitglied des angolanischen Büros der Open Society Initiative for Southern Africa, nannte das Gesetz einen guten Anfangspunkt. Nun müssten aber Ressourcen zur Verfügung gestellt werden, um Polizisten für das Thema zu sensibilisieren, so Cutaia weiter. Darüber hinaus bedürfe es gezielter Informationsmaßnahmen, die die Bevölkerung – insbesondere Frauen und Mädchen – über die Inhalte der neuen Regelungen und den Ablauf einer Anzeige häuslicher Gewalt aufklären.

Die verabschiedete Gesetzesregelung beinhaltet auch eine eindeutige Definition häuslicher Gewalt. Diese erklärt auch das Vorenthalten von Essen für ein Kind, mangelnde Unterstützung einer schwangeren Frau und den sexuellen Missbrauch Minderjähriger oder älterer Personen, die der persönlichen Obhut unterstellt sind, zu einem Akt häuslicher Gewalt. Darüber hinaus wurden traditionelle Hochzeiten mit Mädchen unter 14 Jahren verboten und das Erbschaftsrecht für Frauen reformiert, wodurch die finanzielle Abhängigkeit der Frauen von den Männern verringert wird.

Aufgrund der bisher fehlenden Definition gibt es in Angola keine genauen Statistiken über häusliche Gewalt. Eine Umfrage der Angolan Women’s Organisation (OMA), dem weiblichen Flügel der Regierungspartei Popular Movement for the Liberation of Angola, von 2008 hat jedoch ergeben, dass es allein in den armen Vororten der Hauptstadt Luanda innerhalb von 12 Monaten zu 4.000 Fällen häuslicher Gewalt kam. Trotz der hohen Zahl an Fällen gab es in Angola bisher kaum Anlaufstellen für Opfer häuslicher Gewalt – das könnte sich jetzt ändern.

Und Geld stinkt doch

Die Industriestaaten dieser Welt sorgen sich um Euro und Dollar. Gehen Griechenland, Portugal und Irland pleite? Was wird aus Italien? Und: Wie bewältigen die USA die Schuldenkrise? Angesichts dieser tatsächlich überaus brisanten Themen wird das Angebot der Kanzlerin an die angolanische Regierung, “sechs bis acht Patrouillenboote” zu liefern, zu einer Randnotiz der Tagespolitik.

Zu Unrecht, denn die Patrouillenboote, mit denen Angola seine See-Grenzen sichern will, sind – und da beißt die Maus keinen Faden ab – kleine Kriegsschiffe. Ohne Zweifel hat das 60-Millionen-Euro-Geschäft nicht die Brisanz des immer noch streng geheimen Rüstungs-Deals mit Saudi-Arabien.

Doch in Angola hat, wie in den allermeisten Staaten Afrikas, das Wort “Demokratie” eine völlig andere Bedeutung als in Europa oder in den USA. Das ist in dem westafrikanischen Land auch kein Wunder. Jahrzehnte lang hat ein blutiger, unerbittlicher Bürgerkrieg schmerzhafte Wunden geschlagen. Unermessliches Leid hat unermesslichen Hass hinterlassen. Auch wenn sich die Bürgerkriegsparteien von damals einigermaßen zusammengerauft haben. Ursache der brutalen Auseinandersetzungen zwischen UNITA und MPLA war sicherlich die koloniale Ausbeutung durch die Portugiesen. Denn sowohl die europäischen Ausbeuter als auch die beiden großen Milizen waren sich darüber im Klaren, dass im Boden des Landes reiche Vorkommen an Erdöl, Diamanten und seltenen Mineralien lagern.

Heute ist Angola ein Staat, der sich mit westlichen Maßstäben nicht messen lässt. Zum einen hat das Bantu-Land eine für afrikanische Verhältnisse enorme Wirtschaftskraft, zum anderen aber herrschen dort katastrophale Zustände im Gesundheits- und Bildungswesen. So müssen die Menschen mit der weltweit zweithöchsten Sterblichkeitsrate bei Säuglingen leben. Zigtausende sterben jedes Jahr an Krankheiten, die bei ausreichender medizinischer Versorgung leicht zu heilen wären. Veränderungen durchzusetzen ist aber schier unmöglich. Denn in Angola ist sich jeder selbst der Nächste – die Korruption blüht.

Und genau dorthin, in ein Land, das instabiler nicht sein könnte, sollen deutsche Rüstungsfirmen Kriegswaffen liefern. Angela Merkel, die politische Überfliegerin, begründet das mit dem atemberaubenden Satz, es sei in deutschem Interesse, wenn Afrika regionale Konflikte durch regionale Truppen selbst befrieden könne. Und dann setzt sie noch eins drauf. Angola, so sagt sie in Luanda mit dem Brustton der Überzeugung, setze sich für Stabilität ein. O, heilige Einfalt!

Afrika, der geschundene Kontinent, wird durch die Lieferung von deutschen Patrouillenbooten an Angola weder demokratischer noch instabiler. Da ist das Geschäft mit den Saudis schon von anderem Kaliber. Die Lieferung von Kriegswaffen in Krisengebiete, deren Entwicklung niemand vorhersagen kann, wirft grundsätzliche Fragen auf. Überwiegt das wirtschaftliche Interesse von Rüstungskonzernen die moralischen Ansprüche unseres Landes so sehr, dass die Bundeskanzlerin alle Bedenken kühl zur Seite schieben darf? Wohl nicht. Deutschland ist Mitglied der Nato, der westlichen Verteidigungsgemeinschaft also. Bei den Streitkräften dieser demokratisch geführten Staaten sind deutsche Waffen gut aufgehoben. In Angola und anderen Krisenstaaten kaum. Geld stinke nicht, sagten die alten Römer. Das stimmt nicht. Manchmal stinkt es sehr wohl.